Veränderungsbereit und anpassungsfähig sein

9. Mai 2017
Digitalisierung bietet erhebliche Chancen  Diese gilt es zu ergreifen  Die nächsten Jahre gleichen mitunter einem Kraftakt

Herbert K. Haas, Vorstandsvorsitzender der Talanx AG, im Gespräch mit der Börsenzeitung über Digitalisierung in der Versicherungsbranche und im Talanx-Konzern.

Die Digitalisierung hat die Versicherungsbranche voll erfasst. Es mag länger gedauert haben als in anderen Industrien, doch fest steht: Die Digitalisierung ist allgegenwärtig und wird in den kommenden Jahren in der Versicherungsbranche weiter an Fahrt gewinnen. Einer Studie von Oliver Wyman zufolge haben Insurtech-Start-ups allein 2015 in Summe 2,7 Mrd. US-Dollar an Finanzierungen eingeworben. Der Wert dürfte 2016 noch zugelegt haben. In vielen Fällen wird das Kapital Früchte tragen, neue Produkte, mehr Transparenz und einen besseren Service hervorbringen manche Ideen werden aber auch nicht auf Dauer funktionieren.

Branche modernisiert sich

Gleichzeitig arbeiten die Versicherer selbst mit Erfolg an digitalen Lösungen. All dies wird dazu beitragen, dass die Branche sich modernisiert und auf Kundenwünsche besser eingehen kann. Unsere Kunden erwarten zu Recht schnellen und unkomplizierten Service sowohl im Vertrieb wie auch im Betrieb und in der Schadenregulierung. Auch unsere Produkte haben zum Teil Weiterentwicklungsbedarf, denn Risiken, technische Möglichkeiten und manche Rahmenbedingung haben sich verändert. Zusammengefasst heißt das: Digitalisierung ist keine Gefahr, sondern bietet enorm viele Chancen. Digitalisierung ist keine Zauberei: Die analoge und die digitale Welt ergänzen sich häufig. Versicherung per se verliert nicht an Bedeutung. Ich bin der Überzeugung, dass die Fähigkeit, risikotragende, ausgleichsfähige, diversifizierte Kollektive zu bilden und diese risikogerecht zu bepreisen, auch für die digitale Gesellschaft von großer Bedeutung sein wird. Und ich hege große Zweifel, dass es Insurtechs oder auch Datenriesen wie Google oder Amazon gelingen wird, diese umfassende Versicherungskompetenz vollständig aufzubauen. Wir dürfen also zuversichtlich sein vorausgesetzt, wir erledigen unsere Hausaufgaben. Bei Talanx tun wir dies bereits seit mehreren Jahren: diszipliniert, effizient und unaufgeregt. Wir haben schon beachtliche Fortschritte erzielt, sind aber mit der Umsetzung unserer Strategien noch lange nicht fertig.

Drei Stoßrichtungen

Unsere Maßnahmen haben drei Stoßrichtungen. Erstens: Wir automatisieren unsere Prozesse und internen Abläufe und steigern so die Effizienz. Zweitens: Wir verbessern kontinuierlich die Schnittstelle zum Kunden und nutzen dabei systematisch das kreative Potenzial der gesamten Gruppe. Und drittens: Wir suchen bewusst den Austausch und die Kooperation mit den neuen Spielern im Markt und erschließen so neue Geschäftspotenziale. Allein im deutschen Privat- und Firmenkundengeschäft investieren wir bis 2020 einen dreistelligen Millionenbetrag in Automatisierung und Digitalisierung. Das bedeutet, wir machen Prozesse effizienter, schneller und werden dadurch auch profitabler. Seit dem vergangenen Jahr können Kunden bei HDI Schäden über eine entsprechende App direkt und unkompliziert abwickeln. Dieser Service wurde in mehr als 12 000 Fällen genutzt, Tendenz steigend. Gemeinsam mit Kooperationspartnern bieten wir innovative Telematik-Dienste an. Und über das bereits mehrfach ausgezeichnete Online-Portal HDI bAVnet verwalten schon heute mehr als 340 Arbeitgeber rund 55 000 Verträge ihrer betrieblichen Altersvorsorge. In allen Fällen optimieren wir unsere internen Prozesse erheblich, während unsere Kunden sich über mehr Flexibilität und eine zügigere Umsetzung ihrer Wünsche freuen.

Internationalität nutzen

Darüber hinaus nutzen wir unsere Internationalität. Erfolgreiche digitale Applikationen finden sich etwa in Polen, der Türkei und in Chile. Warta, unsere polnische Tochter, setzt auf eine Schaden-App, die unter anderem die Dokumentation von Kfz-Schäden und die direkte Übermittlung von Fotos und Dokumenten an den Sachverständigen erlaubt. Dadurch kann schnell ein Angebot für die Regulierung unterbreitet werden und der Schadenfall ist so oftmals im Zuge des Erstkontakts erledigt. Die türkische HDI Sigorta A.S. bietet Kunden an, über den Facebook-Messenger Versicherungspolicen anzubahnen. In Chile, dem Land Lateinamerikas mit der höchsten ECommerce-Rate, verwenden wir Smart-Data-Lösungen um Kunden gezielt anzusprechen und ihnen auf ihre Bedürfnisse ausgerichtete Angebote zu machen. Den konsequenten Transfer von Innovationen innerhalb der Talanx-Gruppe stellen wir fortlaufend über ein ,,Best Practice Lab‘‘ sicher.


Neue Risiken entstehen

Für den Erfolg eines Versicherers beim Kunden sind dies zentrale Stell-hebel. Mitnichten jedoch machen sie den Kern unseres Geschäftsmodells aus. Denn Versicherung ist nichts anderes als die Absicherung von Risiken durch ihren Transfer auf ein Kollektiv. Doch weder zeichnet sich ab, dass unsere Welt künftig risikofrei ist. Noch deutet sich an, dass eine Absicherung gegen Risiken nicht mehr nötig wäre. Und schließlich ist es bisher noch keinem Startup gelungen, funktionierende Kollektive relevanter Größe aufzubauen. Fakt ist: Im Zuge der Digitalisierung entstehen neue Risiken. Zwar mag es sein, dass Unfälle und Blechschäden durch autonomes Fahren künftig weitgehend der Vergangenheit angehören. Doch wer haftet beispielsweise, wenn der Computer eines autonom fahrenden Autos versagt? Der Fahrer? Der Hersteller? Und wie verändern sich dadurch die Versicherungstarife? Hier wird es auch künftig Versicherer brauchen. Ein weiteres Beispiel sind die sogenannten Cyberrisiken. Grob gesagt unterschiedlichster Art, die dazu führen können, das ganze Produktionsanlagen kriminell abgeschaltet werden mit enormen Auswirkungen nicht nur für das produzierende Gewerbe, sondern auch für deren Kunden. Der Software-Entwickler McAfee beispielsweise schützt den jährlichen Schaden durch Cyberangriffe weltweit auf etwa 445 Mrd. US-Dollar. Cyberversicherungen stehen trotz des bereits großen Schadensvolumens erst am Beginn einer rasanten Entwicklung. Für unsere Branche bietet sie ein enormes Potenzial. Die Beispiele machen vor allem eines deutlich: Unsere Kernkompetenz als Versicherer wird auch künftig gebraucht. Wir bei Talanx machen Risiken kalkulierbar, diversifizieren sie und können sie dadurch versichern. Dieses hochkomplexe Geschäft ist eine starke Basis. Die Digitalisierung ändert daran erst einmalwenig. Versicherer haben bewiesen, dass sie wandlungsfähig sind und technologische Zyklen erfolgreich begleiten können. 


Vor mehr als 100 Jahren

Als der Talanx-Konzern 1903 als ,,Haftpflichtverband der deutschen Eisen- und Stahlindustrie‘‘ gegründet wurde, gab es keine Computer und kein Internet. Das Automobil war wenige Jahre zuvor erfunden worden, Verkehr hieß zur damaligen Zeit vor allem Fuhrwerk und Fahrrad. Wir bei Talanx haben die technologische Entwicklung der Gesellschaft in Deutschland und rund um den Globus über Jahrzehnte partnerschaftlich begleitet. Wir sind überzeugt, auch die Digitalisierung erfolgreich zu meistern.


Überraschungen vorbeugen

Damit uns neue Entwicklungen und Lösungen nicht überraschen, beobachten wir den Markt: Denn Digitalisierung ermöglicht uns auch, zusätzliche Geschäftspotenziale zu erschließen, indem wir von neuen Marktteilnehmern lernen. Die Unternehmen Startupbootcamp aus London und Plug and Play aus Kalifornien sind deshalb Partner der Talanx. Mit ihrer Hilfe suchen wir nach Unternehmensgründungen, deren Ideen und Ansätze eine Bereicherung für uns sind. Den vielversprechendsten dieser jungen Unternehmen bieten wir strategische Kooperationen und/oder finanzielle Unterstützung an. Die Start-ups haben so die Möglichkeit, ihre Idee weiterzuentwickeln. Und wir selbst verbessern uns durch neue, digitale Ansätze. Unser Vorgehen hier passt hervorragend zu unserer Philosophie des nachhaltigen und strategischen Handelns. Wir entwickeln uns kontinuierlich weiter und digitalisieren mit Bedacht aber wir verfallen nicht in blinden Aktionismus.

Nicht immer einfach

Den Sprung in die neue, digitale Welt zu schaffen, erfordert von uns einmal mehr Wandlungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit. Nicht immer wird der Wandel einfach sein. Es werden dabei aufgrund von automatisierten ozessen Arbeitsplätze wegfallen, aber es werden auch neue Stellen geschaffen, allerdings mit anderen Anforderungsprofilen. Wir als Manager müssen diesen Wandel vorantreiben, gestalten und ihn unseren Mitarbeitern vermitteln. Als Unternehmen müssen wir ihnen die Chancen zeigen und noch wichtiger, sie dazu befähigen, diese zu nutzen. Aus- und Fortbildung werden ihr Gesicht verändern und noch mehr an Bedeutung gewinnen. Am Ende müssen Mitarbeiter und Führungskräfte nicht nur für die Digitalisierung gerüstet sein sie müssen sie leben, und das tagtäglich. Die kommenden Jahre werden mitunter einem Kraftakt gleichen. Doch wir bei Talanx haben eine klare Agenda für die weitere Digitalisierung und schon heute können wir in vielen Bereichen sehen, dass wir davon profitieren. Gerade deshalb blicken wir vor allem mit Selbstbewusstsein und Zuversicht auf die Digitalisierung. Oder anders formuliert: Die Digitalisierung ist vor allem eine große Chance  wir werden sie ergreifen.

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