„London ist strategisch bedeutend für HDI“

29. März 2017 
Richard Taylor, Managing Director der britischen Niederlassung der HDI Global SE, spricht über die Folgen des Brexit für das Versicherungsgeschäft

Was ging Ihnen im vergangenen Sommer durch den Kopf, als die Mehrheit der Briten für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt haben?
Richard Taylor: Das war ein Schock. Ich habe mich gefragt: Haben die Menschen in Großbritannien wirklich die Konsequenzen ihres Handelns verstanden?

Die Abwanderung von Finanzdienstleistern aus London könnte eine der ersten sichtbaren Veränderungen durch den Brexit sein. Schließlich benötigen viele Banken für ihr Geschäft den ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt.
Die Spekulationen werden anhalten bis die Bedingungen für den Brexit abschließend verhandelt sind. Ich gehe davon aus, dass alle Unternehmen in Großbritannien, die vom Brexit betroffen sind, Notfallpläne haben und sich damit für alle möglichen Eventualitäten vorbereiten.

Wie steht es um die Präsenz von HDI in Großbritannien?
Natürlich sind wir vom Brexit betroffen. Aber solange die Bedingungen für den Austritt Großbritanniens aus der EU nicht feststehen, ist es schwierig zu sagen, in welchem Ausmaß. Einzelne Versicherer und im Besonderen Lloyds of London prüfen die Auswirkungen, die ein Verlassen der EU auf ihr Geschäft haben werden. Lloyds hat ja bereits bekanntgegeben, dass es einen Teil seiner Aktivitäten in ein anderes Land verlagern will. Allerdings: Es wird immer eine Nachfrage für Industrieversicherung in Großbritannien geben. London ist eine der am weitesten entwickelten und wettbewerbsintensivsten Versicherungszentren in der Welt, und als solches ist es strategisch bedeutend für HDI. Für uns als global agierendem Versicherer ist es keine Frage, dass wir in diesem Markt präsent bleiben.

Welche Konsequenzen hat der Brexit für die HDI Global SE - UK?

Die Mehrheit unserer Kunden hat ihren Sitz in Großbritannien. Das heißt, wir zeichnen lokales und regionales Geschäft – das wird Bestand haben. Viele unserer Kunden arbeiten und handeln aber über Ländergrenzen hinweg. Und auch hier gilt: Unsere Kunden werden auch nach dem Brexit Versicherungsschutz benötigen. Wenn wir in der Lage sind, auch in Zukunft für sie passende Lösungen zu finden – und da bin ich mir sicher, dass wir sie finden – dann werden die Auswirkungen auf HDI in Großbritannien minimal sein. Im Gegenteil: Wir sehen sogar eine Reihe von Möglichkeiten. So ermöglicht uns das HDI Global Netzwerk auch bei einem Brexit und eventuellen Verlust des Privilegs des „Freedom of Service“ [Anm. d. Red.: Dienstleistungsfreiheit] die Zeichnung europäischer Risiken unserer internationalen Kunden über die Netzwerkpartner des HDI Global Netzwerkes. In den wesentlichen europäischen Ländern ist das Netzwerk durch eigene HDI Global Einheiten vertreten. Des Weiteren profitieren viele Unternehmen von der Situation, weil das britische Pfund an Wert verloren hat. Das vergünstigt die Importe britischer Waren in anderen Ländern.

Die Schotten hatten überwiegend für einen Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt, weshalb die schottische Regierung nun ein neues Referendum über die Abspaltung vom Vereinigten Königreich anstrebt. Was würde das für Ihr Geschäft bedeuten?
Die britische Regierung hat ja bereits ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands ausgeschlossen. Sollte es dennoch dazu kommen, haben wir uns sehr gut positioniert, unsere Kunden und Broker auch in Zukunft zu unterstützen. Wir haben vor kurzem erst ein eigenes Büro in Glasgow eröffnet, um näher an unsere schottischen Kunden und den dortigen lokalen Versicherungsmarkt zu rücken.

Was macht diese Region für HDI attraktiv?
Schottland hat einen ganz eigenen Versicherungsmarkt. Die wichtigsten Branchen sind die Öl- und Gas- sowie die Nahrungsmittelindustrie. Die Bauwirtschaft und die Whisky-Destillerien sehen erhebliches Wachstumspotenzial. Ohne die Präsenz vor Ort könnte HDI keinen effektiven Service für bereits bestehende Kundenbeziehungen bereitstellen und den lokalen Markt nicht weiter erschließen.

Welche Möglichkeiten für weiteres Wachstum sehen Sie?
HDI in Großbritannien strebt ein kontinuierliches Wachstum in den Kernbereichen an, dazu gehören Schaden/Unfall, die Technische Versicherung und Kfz. In diesem Jahr wollen wir auf den Erfolgen von 2016 aufbauen, indem wir uns weiter auf die Bedürfnisse unserer Kunden konzentrieren und entsprechende Lösungen in allen Sparten liefern. Wir schauen natürlich auch, wie wir die Erwartungen der Kunden mit Hilfe der Digitalisierung besser treffen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Für das Kfz-Flottengeschäft haben wir vor vier Jahren ein Team aufgebaut, das Flotten mit mehr als 250 Fahrzeugen versichert – und zwar nur dann, wenn der Kunde sich auf Telematik einlässt. Wir haben uns darauf fokussiert, weil wir Kunden für uns gewinnen wollen, denen die Risiken bewusst sind und die diese Risiken managen wollen. Vergangenes Jahr haben wir Tools entwickelt, die es ermöglichen, unseren Kunden täglich oder wöchentlich Informationen über das Verhalten ihrer Fahrer bereitzustellen. Diese Telematik-Lösung ist momentan einzigartig auf dem britischen Versicherungsmarkt.

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