„In der Krise liegt auch eine Chance“

24. Februar 2017   

Notis Vagiakakos, Managing Director der griechischen Niederlassung der HDI Global SE, und seine Kollegin Elina Papaspyropoulou über das Arbeiten inmitten einer Wirtschaftskrise

Wie fühlt es sich an, für ein deutsches Unternehmen zu arbeiten, während zehntausende Griechen gegen die Europäische Union und Deutschland auf den Straßen protestieren?
Notis Vagiakakos: Unsere Niederlassung befindet sich im Herzen von Athen, und da bekommen wir natürlich alle Proteste hautnah mit. Ein Teil der griechischen Medien und viele Menschen in den sozialen Netzwerken geben den Gläubigern und vor allem Deutschland als dominierendem Land der Europäischen Union die Schuld an den schlimmen Folgen der Sparpolitik, den Ausgaben-Kürzungen und Steuererhöhungen. Aber wir sind in der Lage, nüchtern und objektiv zu urteilen. Und das trifft auch auf unsere Kunden zu. Deshalb spüren wir keine Nachteile, nur weil wir ein deutsches Unternehmen sind. Wir bekommen höchstens mal ein paar flapsige Sprüche zu hören, aber wir sind schlagfertig genug, damit umgehen zu können.

Elina Papaspyropoulou: Es ist sogar von Vorteil, dass wir als finanzstarker, deutscher Versicherer ein hohes Maß an Stabilität bieten können. Wir sind ein verlässlicher Partner gerade auch in der Schadenregulierung, was unsere Kunden in diesen Zeiten noch mehr schätzen.

2015 sprachen alle vom Grexit, dem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
N. Vagiakakos: Für uns war und ist klar: Griechenland soll in der Eurozone bleiben. Damit sie noch lange existieren wird, müssen wir als Europäer aber politisch enger zusammenrücken und so etwas wie die „Vereinigten Staaten von Europa“ bilden. Europa ist weit mehr als der Euro, und wir sollten den Sinn der europäischen Integration nicht vergessen: Die EU hat uns eine Zeit des Friedens gebracht, die ich für beispiellos halte.

Wie geht es den Griechen heute?
E. Papaspyropoulou: Seit dem Beginn der Krise 2009 ist das Bruttoinlandsprodukt um rund 25 Prozent gesunken. Dadurch entstanden schwere soziale Verwerfungen, die das Land hart treffen. Viele sind arbeitslos, fast jeder zweite junge Grieche findet keinen Job. Der Staat hat die Renten gekürzt, was auch deshalb schwer wiegt, weil viele Rentner ihre arbeitslosen Angehörigen finanziell unterstützen.

Notis Vagiakakos: Zusätzlich leidet das Land unter der Flucht von Fachkräften und Akademikern. Fast eine halbe Million junger hochqualifizierter Griechen hat das Land bereits verlassen. Das höhlt das langfristige Potenzial Griechenlands aus.

E. Papaspyropoulou: Und nicht zu vergessen die Kapitalverkehrskontrollen, die den Menschen und Unternehmen das Leben schwer machen.

Wie sind Sie damit umgegangen? Finanztransaktionen gehören schließlich zum Geschäft.
E. Papaspyropoulou: Als die Kontrollen eingeführt wurden, mussten wir schnell handeln. In enger Zusammenarbeit mit der Zentrale in Hannover haben wir zügig für unsere Kunden sichergestellt, dass vor allem Schadenzahlungen, woran die Kunden größtes Interesse haben, auch weiterhin umfassend und rasch bedient werden können.

Auffällig ist, dass Sie trotz der griechischen Dauerkrise erfolgreich sind.
N. Vagiakakos: Das stimmt. In den sieben Jahren der Rezession haben wir es geschafft, unsere Position zu halten und sogar weiter zu stärken. Das zeigt sich nicht nur im Ergebnis, sondern auch an den Prämieneinnahmen. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir uns von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt haben.

Wie haben Sie das geschafft?
N. Vagiakakos: Einer der Gründe ist, dass wir Teil eines Konzerns mit einem sehr soliden Hintergrund sind. Diese Verlässlichkeit bringt uns einen gewissen Vorteil gegenüber unseren Wettbewerbern, die manchmal etwas sprunghafter auftreten. Außerdem verfügen wir natürlich über ein hochqualifiziertes und eingespieltes Team, das stark vernetzt ist. Und vergessen Sie nicht: In der Krise liegt auch eine Chance. Stabile Unternehmen wie HDI Global können in dieser Phase ihren Marktanteil ausbauen. Das machen wir, ohne unsere Position aufs Spiel zu setzen und unsere guten Kunden zu verlieren.

Wie wichtig war der Schritt, über den griechischen Markt hinaus Industrierisiken zu zeichnen?
E. Papaspyropoulou: Da der Markt in Griechenland schrumpft, müssen wir natürlich langfristig denken. Deshalb expandieren wir in ausgewählten Märkten in der Region: Wir zeichnen etwa Geschäft in Malta, Israel, Zypern, in der Türkei und in den Balkan-Staaten. Unser Geschäft außerhalb Griechenlands machte Ende 2015 rund 20 Prozent unseres gesamten Portfolios aus.

N. Vagiakakos: Zuerst sind wir unseren griechischen Kunden und Brokern in diese Märkte gefolgt. Allmählich ist daraus eine strategische Expansion entstanden. In Israel beispielsweise haben wir bereits wichtige Kunden für die Sachversicherung gewinnen können. Besonders für die Technische Versicherung sehen wir dort Potenzial. In Zypern wiederum wollen wir vor allem mittelständische Unternehmen ansprechen, da sich der Markt dort weitgehend erholt hat.

 

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