Herbert K. Haas zur Strategie und zu den Perspektiven der Talanx

Interview mit Herbert K. Haas, dem Vorsitzenden der Talanx AG

Herr Haas, was ist eigentlich der Schlüssel zum Erfolg der Talanx?

Herbert K. Haas: "Der Ursprung des Konzerns, ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, wurde 1903 auf Initiative von Industrieunternehmen gegründet, die mit den Konditionen ihrer Haftpflichtversicherung unzufrieden waren. Die Entstehung des Konzerns geht also auf unsere Kunden zurück. Die Vertragsbeziehungen bestehen teilweise bis zum heutigen Tag, so dass wir jahrzehntelange Bindungen zu vielen unserer Kunden pflegen. Diese starken Wurzeln in Deutschland haben es der Talanx ermöglicht, durch ein solides finanzielles und strategisches Fundament ihr erfolgreiches Wachstum auch im Ausland voranzutreiben."

Was macht die Talanx besonders?

Herbert K. Haas: "Der Konzern betreibt sein Geschäft hauptsächlich mit anderen professionellen Marktteilnehmern, neudeutsch "B2B-Geschäft". Dies können andere Versicherer, Banken und professionelle Maklerhäuser sowie große mittelständische Unternehmen und Industriekonzerne mit eigenen Versicherungsabteilungen sein. Durch die breite Aufstellung des Konzerns bieten wir aber auch Versicherungslösungen für kleinere Betriebe und Privatkunden. Wir profitieren in allen Bereichen von unserer langjährigen Zusammenarbeit mit erfahrenen Geschäftspartnern – diese geschäftspolitische Ausrichtung ist ohne Frage besonders.

Aus der Sicht eines Aktionärs wollen wir aber auch in anderer Hinsicht besonders sein: Wir möchten unser Eigenkapital im Wesentlichen dafür einsetzen, Versicherungsrisiken zu übernehmen. Ein Investor, der die Talanx-Aktie kauft, soll in ein Geschäft investieren, das er nicht selbst darstellen kann. Dagegen wollen wir den Anteil des Risikokapitals, den wir für Kapitalanlagen einsetzen – die ein Investor ja auch jederzeit selber kaufen kann – auf maximal 50% unseres gesamten Risikokapitals begrenzen."

In welchen Geschäftsbereichen ist die Talanx denn aktiv?

Herbert K. Haas: "Talanx ist eine Management- und Finanzholding. Es gibt keine Versicherungsprodukte mit dem Namen „Talanx“. Vielmehr nutzen wir bewusst eine Mehrmarken-Strategie in unseren vier Geschäftsbereichen, um mit hoher Schlagkraft in unterschiedlichen Geschäftsfeldern erfolgreich zu sein. Unser operatives Geschäft ist dabei in die vier Geschäftsbereiche Industrieversicherung, Privat- und Firmenversicherung Deutschland, Privat- und Firmenversicherung International und Rückversicherung gegliedert. Unser Markenportfolio umfasst etwa HDI-Gerling in der Industrieversicherung, HDI, Targo und Postbank Versicherungen sowie neue leben im deutschen Retail-Geschäft, WARTA und HDI Seguros im Ausland und Hannover Rück."

Macht eine so breite Aufstellung denn Sinn?

Herbert K. Haas: "Diese breite Aufstellung bietet einen sehr bedeutenden Vorteil: Wir profitieren umfassend von Synergien und Diversifikationseffekten durch die verschiedenen Segmente und Marken. Nehmen Sie etwa das Beispiel der vergangenen beiden Jahre: in unserem Herkunftsland Deutschland gab es 2013 eine sehr ungewöhnliche Häufung schwerer Naturkatastrophen, in anderen Regionen der Welt lagen Versicherungsschäden aus Naturkatastrophen z.T. erheblich unter dem langjährigen Mittel. 2014 und z. T. auch im abgelaufenen Jahr haben uns insbesondere Großschäden in der Feuerversicherung im Geschäftsbereich Industrie belastet, während die Schadenquoten in anderen Geschäftsfeldern zum Teil unterdurchschnittlich ausfielen. Diversifikation – zwischen den Geschäftsfeldern und zwischen den Regionen – trägt zur Stabilität unserer Ergebnisse bei. Auch vor diesem Hintergrund wollen wir den Anteil unserer ausländischen Prämieneinnahmen in der Erstversicherung von derzeit rund 45% auf 50% steigern."

Sie haben bereits die verschiedenen Geschäftsbereiche angesprochen - lassen Sie uns diese näher beleuchten: Was können Sie uns zur Industrieversicherung sagen?

Herbert K. Haas:"Der Industrieversicherer HDI-Gerling bietet unseren Kunden durch eigene Niederlassungen und Partnernetzwerke in über 130 Ländern individuelle Betreuung und an lokale Bedürfnisse angepasste Versicherungslösungen. Durch die Globalisierung haben wir aus der Notwendigkeit, unsere Kunden im Ausland mit Versicherungsschutz abzusichern, ein neues Selbstverständnis entwickelt: Wir begleiten unsere Kunden bei Ihrer globalen Expansion und etablieren uns auf den jeweiligen Märkten durch unsere Expertise. Auf diesem Weg ist es uns bereits in den internationalen Märkten gelungen neue Industrieversicherungskunden zu gewinnen. HDI-Gerling Industrie ist auf dem Weg zum Global Player, der aus eigener Kraft wächst und weltweit präsent ist. Auch deshalb haben wir eine Umfirmierung in HDI Global und deren Rechtsformänderung in eine SE, also eine europäische Aktiengesellschaft auf den Weg gebracht."

Aber das deutsche Firmen- und Privatkundengeschäft ist herausfordernd?

Herbert K. Haas: "Jeder weiß: Der deutsche Markt ist gesättigt, Wettbewerb findet hauptsächlich über den Preis statt. Der Talanx-Konzern ist in diesem schwierigen Markt nach Bruttoprämien unter den Top 5 im Lebens- und den Top 10 im Kompositversicherungsgeschäft. Mit einem „Fitnessprogramm“ streben wir in diesem Geschäftsbereich eine höhere Effizienz und eine noch stärker auf unsere Kunden ausgerichtete Organisation an. Am Ende des Programms soll ein profitabel wachsender, moderner Versicherer stehen, der seinen Geschäftspartnern – Banken, großen Maklerhäusern, industriellen Kooperationspartnern – optimale Bedingungen und seinen Kunden beste Produkte bietet. Kurz: einer der effizientesten und kundenorientiertesten deutschen Versicherer in diesem Segment."

Wie sieht es mit Ihrem jüngsten Bereich, der internationalen Firmen- und Privatversicherung, aus?

Herbert K. Haas: "Ich habe bereits unser Ziel angesprochen, mittelfristig 50% der Bruttoprämien in der Erstversicherung im Ausland zu generieren. Erreicht werden soll dies durch die Fokussierung auf unsere Zielmärkte in Lateinamerika und Zentral- bzw. Osteuropa inklusive der Türkei. In den genannten Märkten beobachten wir sowohl eine stark wachsende Bevölkerung als auch ein rasant steigendes Einkommen. Durch den zunehmenden Wohlstand steigt auch der Versicherungsbedarf, den wir durch unsere Präsenz gerne bedienen. Wie in Deutschland steht das direkte Geschäft mit den Profis im Blickpunkt, um einen schnelleren Marktzugang und eine bessere Marktdurchdringung zu erreichen. Daneben setzen wir gezielt auf unsere Kompetenz in der KfZ-Versicherung, sehr erfolgreich etwa in Brasilien, sowie bei der Integration von Gesellschaften, wie zu unserer großen Zufriedenheit in Polen. In dieses Bild passt auch die Akquisition von Inversiones Magallanes in Chile, die uns zum zweitgrößten Kfz-Versicherer in diesem hochattraktiven Markt macht."

Und der Geschäftsbereich Rückversicherung ?

Herbert K. Haas: "Die Hannover Rück, an der wir 50,2% halten, betreibt alle Sparten der Schaden- und Personen-Rückversicherung. Rein auf den B2B-Bereich ausgerichtet, unterhält die Gruppe Rückversicherungsbeziehungen mit über 5.000 Versicherungsgesellschaften in rund 150 Ländern auf allen Kontinenten. Das Deutschland-Geschäft wird von der Tochtergesellschaft E+S Rück betrieben. Hannover Rück genießt hohe Anerkennung bei Kunden und Investoren: Sie ist nicht nur einer der effektivsten und größten, sondern auch einer der weltweit profitabelsten Rückversicherer. Diese Beteiligung ist strategisch und dauerhaft ausgerichtet. Wir sind mit der Entwicklung der Hannover Rück höchst zufrieden."

Mittlerweile ist die Talanx seit Herbst 2012 an der Börse. Wie bewerten Sie diese Erfahrung bisher?

Herbert K. Haas: "Unser Platzierungspreis lag im Oktober 2012 bei 18,30 Euro. Investoren konnten also bereits erhebliche Kursgewinne in der Aktie erzielen. Mit unserer Dividenden-Ausschüttungsquote zwischen 35 und 45% der IFRS-Gewinne streben wir zudem eine attraktive Dividende an. Wir freuen uns daher, dass sich die Talanx-Aktie als ein gutes Investment erweisen konnte. Dennoch war die Kursentwicklung der Talanx-Aktie zuletzt nicht ganz so stark, wie die unserer Tochter Hannover Rück. Wir stellen uns unseren Herausforderungen in der Erstversicherung, auch deshalb um zukünftig am Kapitalmarkt noch besser abzuschneiden.

Für uns als Management gibt es auch einen weiteren Effekt: im Jahr 2015 haben meine Kollegen und ich rund 200 institutionelle Investoren auf Konferenzen und Roadshows in Europa und Nordamerika persönlich getroffen. Seit dem Börsengang veranstalten wir jedes Jahr einen Capital Markets Day; zuletzt in 2015 in Hannover zur Industrieversicherung. Wir setzen uns sehr dafür ein gegenüber bestehenden Investoren Rechenschaft abzulegen und neue Aktionäre von der Talanx zu überzeugen. Ich schätze diese Arbeit sehr, weil man im Dialog mit Aktionären und Analysten immer wieder angehalten ist, die eigene Position und den eigenen Fortschritt zu überprüfen, und man – wie im Dialog mit anderen Stakeholdern - auch wichtige Impulse für die eigene Management-Aufgabe gewinnen kann."

Wie geht es weiter mit der Talanx?

Herbert K. Haas: "Auch nach dem Börsengang gab und gibt es keinen Anlass, von unserer erfolgreichen Strategie abzuweichen, im Gegenteil. Wir wollen nachhaltig profitabel wachsen, vor allem organisch, aber auch durch Akquisitionen und Kooperationen, insbesondere in der Industrieversicherung und der internationalen Privat- und Firmenversicherung. Im deutschen Privatkundengeschäft wollen wir zudem deutlich effizienter werden. Der Anteil der ausländischen Bruttoprämie aus der Erstversicherung soll langfristig bis auf die Hälfte des Konzernbeitrages ansteigen. Durch die Übernahmen in Polen und zuletzt in Chile, aber auch die gute operative Entwicklung in unseren Auslandsmärkten sind wir auf diesem Weg ein gutes Stück vorangekommen."

Was erwarten Sie für 2016?

Herbert K. Haas: "Auch 2016 wird für uns ein herausforderndes Jahr. Wir stecken im Zangengriff von Niedrigzins auf der einen Seite und Prämiendruck in der Industrie- und Rückversicherung auf der anderen Seite. Uns bleibt nur ein Hebel: Die Kosten müssen runter. Sparpotenzial sehen wir bei den Sachkosten und dem Einsatz selbständiger Berater. Bei konstanten Wechselkursen erwarten wir ein stabiles Bruttoprämienvolumen. Die IFRS-Kapitalanlagerendite sollte bei mindestens 3% liegen. Wir streben ein Konzernergebnis von rd. 750 Mio. EUR an. Damit dürfte die Eigenkapitalrendite im Jahr 2016 über 8,5% liegen, womit wir unser strategisches Ziel von 750 Basispunkten über dem durchschnittlichen risikofreien Zins erreichen würden. Und lassen Sie mich der Ordnung halber sagen: Diese Ziele stehen unter dem Vorbehalt, dass Großschäden im Rahmen der Erwartungen bleiben und an den Währungs- und Kapitalmärkten keine Verwerfungen auftreten. Wir halten an unserem Ziel fest, unseren Aktionären eine attraktive Dividende zu bieten und wollen daher unverändert einen Anteil von 35 bis 45 Prozent vom Konzernergebnis als Dividendenzahlung ausschütten."

Perspektive Talanx

Langfristige Wertsteigerung
ist die Basis für alle
weiteren Konzernziele.